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von Josef Wiesauer

 

Labskaus, Elb’ u nd Schellfischposten

 

Zu Fuß in Hamburg


aufmwww.mediaserver.hamburg.de/C.Spahrbier

Hamburg brummt

Die derzeit reichste Stadt der Welt überholt sich gerade selbst. 10 Gehminuten von der Binnenalster entfernt, entsteht mit der neuen Hafencity auf 155 Hektar im alten Hafengelände eine Stadt mitten in der Stadt. 12.000 Menschen werden hier wohnen, 40.000 Arbeitsplätze entstehen. Das ist Wachstum auf hanseatisch. Cafes, Restaurants sind schon da. Die Welt wartet auf das Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie, die seit 2007 in Bau ist. Angekündigt für 2013, geht man nun realistisch von 2015 aus. Mit Hamburgs „Prestigeproblem“ will man das Opernhaus von Sydney toppen und ein neues Wahrzeichen schaffen. Noch ist das die Barockkirche von St. Michaelis, von den Hanseaten liebevoll der Michel genannt, de facto ist Hamburg aber der Hafen. Das Tor zur Welt ist das Zentrum, laut, schmuddelig, gelebte Wirtschaft, historisch einzigartig.

 

Hamburg isst Labskaus

Aber sachte, wir reisen ja per pedes. Vom Flughafen gelangt man per S-Bahn zum Bahnhof. In der Nähe zu wohnen ist taktisch klug, will man die Hansestadt zu Fuß erobern. Zum Aufwärmen spazieren wir in die Amüsiermeile St. Georg. Die Lange Reihe hat sich ihres zweifelhaften, verruchten Hauptbahnhofmilieus entledigt. Im Herzstück der Gay community finden sich trendige Restaurants und schräge Läden. Hier erahnt man im Kleinen die ganze Weltoffenheit Hamburgs. Am Nachhauseweg kommt man am Deutschen Schauspielhaus vorbei. Es lohnt sich jedenfalls, um Karten zu fragen. Wir hatten Glück, man gab an diesem Abend im führenden deutschen Sprechtheater „Glaube Liebe Hoffnung“ von Öden von Horvath, und eine halbe Stunde später saßen wir tatsächlich in der Premiere und wurden Zeuge, wie sich die unglaubliche Jana Schulz die Seele aus dem Leib spielte. Das Stück war grandios inszeniert, die Morbidität und Depression des Wiens Öden von Horvath’s wurde mitten in Hamburg fühlbar. Um sicher zu sein, sich wirklich in der Hansestadt zu befinden, betritt man gleich ums Eck die Schifferbörse, eine Hamburger Institution mit dem besten Labskaus der Stadt. Das jahrhundertealte Matrosengericht mit Rollmops, Salzgurke und roter Beete wirkt optisch wenig verführerisch. Mit ein paar trockenen Jever (wie das Land, so das …) hinuntergespült, weiß man, man ist angekommen.

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Hamburg ist Hafen

Sonntag heißt in Hamburg nicht ausschlafen, sondern Frühdienst. Nach 20 Minuten Fußmarsch sind wir um 7.00 Uhr morgens am Fischmarkt und stellen fest, dass wir schon fast zu spät sind. Als Touristen können wir nur schauen, besser gesagt, hören und staunen, denn Garnelen-Uwe, Fleisch-Hans und Obst-Michel bieten ihre Waren lautstark feil. Blumen kaufen ist woanders, hier werden halbe Wälder direkt aus dem LKW an den Mann gebracht. Fische fliegen durch die Luft und Aale Dieter (der absolute Star) brüllt: „Zwei Matjes geb’ ich noch mit drauf!“ Der anschließende Brunch in der Fischauktionshalle bei Jazz, Skiffle und Country-Musik  ist Urlaub fürs Gemüt.
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In fünf Gehminuten ist man bei den St. Pauli Landungsbrücken. Hamburg sieht man am besten vom Wasser aus. Bei der Hafenrundfahrt lässt man die Elbmetropole an sich vorüber ziehen: Die Villen des wohlhabenden hanseatische Bürgertums, historische Bauten, wie das Internationale Maritimen  Museum kontrastieren mit architektonischer Extravaganz und Futurismus, das „Dockland“ ragt wie eine Sprungschanze ins Meer. Sogar die endlosen Containerreihen und Kräne des zweitgrößten Containerhafens Europas lässt man als Sehenswürdigkeit gelten. Nach dem Power Napping am Nachmittag leisten wir uns ausnahmsweise ein Taxi nach Altona. Die Sushi und Fischküche im hallenartigen Inrestaurant Henssler & Henssler an der großen Elbstraße gilt als Benchmark. Will man Meeresfrüchte frischer haben, muss man sie unter Wasser essen.

 

Hamburg ist Shoppen

Nach einem 15 Minuten Spaziergang am historischen Rathaus vorbei und durch den von Roncalli-Direktor Bernhard Paul mit viel Esprit gestalteten Weihnachtsmarkt frühstücken wir im Café Paris. Schon beim Betreten spürt man, das Paris spielt atmosphärisch in der Weltliga mit dem Greco in Rom oder dem Zentral in Wien. Die Shoppingmeilen Hamburgs lassen keinen Wunsch offen. Wir schlendern über Neuen Wall, Große Bleichen und Jungfernsteig. Verbunden durch zahlreiche Passagen bieten sie das, was man als Einkaufserlebnis beschreibt. Qualität und Vielfalt des Angebots ist für die Kaufleute der Handelsstadt seit jeher Ehrensache. Und noch etwas: Die bei uns oft als norddeutsch unterkühlt geltenden Hamburger entpuppen sich generell als freundliche Weltbürger, gebildet, tolerant, witzig und unglaublich gemütlich.
shoppingwww.mediaserver.hamburg.de/C.Spahrbier

Hamburg ist Reeperbahn

Vom Spielbudenplatz kommend spazieren wir die Reeperbahn hinunter Richtung große Freiheit und Beatles Museum.
beatles www.mediaserver.hamburg.de/C.Spahrbier

 

logo-letitbeatwww.mediaserver.hamburg.de/Beatlemania Hamburg

 

Auch wenn beim Bummel vorbei an der „Ritze“, durch die große Freiheit mit dem Safari und dem Kaiserkeller der alte schmuddelige Charme des Rotlichtviertels noch spürbar ist, das Revier ist im Wandel begriffen. Es ist strategisches Ziel, die Strich- und Bordellmeile in ein Vergnügungsviertel mit Theatern und Shows à la Las Vegas umzugestalten. Wiewohl diese Entwicklung dem Zeitgeist entspricht ist sie für Nostalgiker ein harter Schlag. Aber noch gibt es sie, die Original Kneipe, in der man die Luft von Meer und Matrosen schnuppern kann. Tante Erna ist die Beste. Im Silbersack, direkt neben dem St. Pauli Theater steht sie mit 80 Jahren immer noch hinter dem Tresen. Zigaretten werden einzeln verkauft, das Astra trinkt man aus der Pulle und in der zu Vase mutierten Granini-Flasche verwelkt ein einzelnes Blümchen. Aus der 60er Jahre Jukebox singt für einen Euro Hans Albers „Auf der Reeperbahn, nachts um halb eins“.
menschen_nacht  www.mediaserver.hamburg.de/R.K.Hegeler

Hamburg ist schräg

Wandertag: Vorbei am Rathaus und an der Heimat des FC St. Pauli, dem Millerntorstadion, gelangen wir ins unkonventionelle Karolinenviertel. Schon in der „Bullerei“ von Tim Mälzer, einer zum Restaurant umgestalteten Viehhalle, merkt man bei der besten Currywurst der Stadt: Hier ist die Welt anders. Von der Sternschanze marschieren wir Richtung Schulterblatt, vorbei an schrägen Boutiquen, Plattenläden und pfiffigen Designershops. Der „Herr von Eden“ bietet Stecktücher in den Mustern der Tapeten der 60er Jahre. Im „Zardoz“, dem größten Plattenge schäft vom Schulterblatt gibt es natürlich nur Vinyl. Shocking Blue, Norman Greenbaum, Petula Clark,… ich fühle mich in meine Schulzeit versetzt. Die „Hanseplatte“ führt ausschließlich hanseatische Musik auf Vinyl, von Hans Albers  bis zum Rap. Im St. Pauli Shop kann man vom Totenkopfring, über Tatoos bis zum kuscheligen Sarg für das Wohnzimmer alles erstehen, was man wirklich braucht. Hier lebt man im Übermorgen.
architekwww.mediaserver.hamburg.de/E. Recke

 

Um diese Eindrücke zu sortieren braucht es einen Platz, der besonders geerdet ist. Auf dem Nachhauseweg über St. Pauli besuchen wir Hamburgs älteste Seemannskneipe. Der Schellfischposten (bekannt durch die NDR-Sendung Inas Nacht) ist das urtypische Lokal am Fischmarkt. Hier scheint die Zeit stehen geblieben. Vier Tische, ein über 100 Jahre alter Tresen und von Frau Müller frisch gezapftes Astra bringen uns wieder ins Heute. Der Pianist spielt am alten Klavier „Junge, komm bald wieder“ – bis bald Frau Müller.

 

schiffewww.mediaserver.hamburg.de/M.Zapf

 

Einmal im Jahr findet der Umzug historischer Schiffe im Hafen statt.

 

„Hamburg is’n derber Beat, schön und schmuddelig und der Hafen ist das Herz, die Bassline“

Rapper Jan Delay

 

 

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