Grenzgänge

 

Das Symposium des Instituts für Sporttherapie ­wurde 2011 seinem interdisziplinären ­Anspruch so umfassend ­gerecht, wie kaum in den elf Jahren ­seines Bestehens

 

Inspiriert durch den Bestseller „Grenzwertig – Aus dem Leben eines Dopingdealers“, aufgezeichnet von Manfred Behr, wurde der Tag für Grenzgänge in Medizin und Sport genutzt.

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Grenzen im Gesundheitswesen

Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer in der Funktion als Gesundheitsreferent Oberösterreichs, lieferte bereits im Eröffnungsreferat die Zusammenfassung. Er definierte vier Grenzen im Gesundheitswesen:
1. die sich ständig verschiebende Grenze des medizinischen Fortschritts
2. die ethische Grenze, die uns vor allem am Beginn und Ende des menschlichen Lebens vor moralische Fragen stellt
3. die systemische Grenze der Finanzierbarkeit
4. und eine Grenze, die wir geschaffen haben, zwischen extra- und intramuralem Bereich
Die sich dauernd verschiebende Grenze durch die Fortschritte der Medizin macht Krankheiten heilbar oder kontrollierbar. Das führt uns zur Grenze der Finanzierbarkeit. Es ist für die Politik eine Riesenaufgabe, alle Möglichkeiten der modernen Medizin für alle zugänglich zu halten. Aus Sicht der Ethik müssen die Ärzte die Grenzen sorgfältig im Auge behalten. Der Mensch ist nicht instrumentierbar. Forschung muss im Dienste der Menschen handeln und nicht umgekehrt. Nicht alles, was wissenschaftlich möglich ist, ist ethisch verantwortbar. Die in Jahrzehnten errichtete Grenze zwischen extra- und intramuralem Bereich, sprich die geteilte Finanzierung dieser Bereiche, ist jedenfalls eine Grenze, die noch eingerissen werden muss. Wenn man die derzeitigen Ausgaben für Prävention von 1,9 % der Gesamtausgaben betrachtet, dann muss man davon ausgehen, dass hier die Grenzen bei weitem nicht ausgeschöpft werden. Hier sieht Dr. Pühringer dringenden Handlungsbedarf.

 

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„Nie darf die Heilung eines Menschen von seiner Brieftasche abhängig sein!“
Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer

 

Grenzen von Belastbarkeit und Wiederherstellung

Bewegung fördert nachweislich die Gesundheit. Womit die Frage virulent wird: Wieviel Bewegung braucht der Körper und wieviel verträgt unser Körper? Die Funktion des Bewegungsapparates ist es, Belastungen aufzunehmen, zu übertragen und zu verteilen, und so die Gewebephysiologie aufrecht zu erhalten. Die Belastbarkeit ist abhängig von Trainingszustand, Alter, Vorschäden, etc. Entscheidend für den Organismus ist die richtige („gesunde“) Mischung von Belastung und Entlastung, so dass Gewebeaufbau und –abbau im Gleichgewicht sind. Das Ziel von Training ist die Erhöhung von Belastungsgrenzen, dabei muss man aber im Auge haben, dass sowohl Anpassungsgeschwindigkeiten, als auch Regenerationszeiten der Gewebe (Muskeln, Sehnen, Knochen, Knorpel, Bänder) unterschiedlich sind. Während Verletzungen meist Folge von äußerer Gewalteinwirkung sind, sind Überlastungen immer eine Folge der Diskrepanz aus Belastung und Regeneration. Ein Diskrepanz mit Folgen: Zelltod, Schwellungen, Entzündungen, Schmerzen, Gewebeschäden, Sehnendegeneration.
Zum Thema Wiederherstellung präsentierte Dr. Hoser imposante Bilder, die die sich ständig erweiternden Grenzen der Unfallchirurgie eindrucksvoll belegten. Von der Tibiakopftrümmerfraktur, über offene Oberschenkeldefekttrümmerfraktur, die Wiederherstellung von Knorpelschäden mittels Microfraktur, Mosaikplastik und Hyalocraft bis zur Meniskusnaht, die immer spezifischer wird, reichte der Bogen, der eher den Eindruck grenzenloser Möglichkeiten als von Begrenztheit hinterließ.

 

 

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„Es hat sich noch kein Pferd zu Tode gelaufen, bevor ein Reiter darauf saß!“
Dr. Christian Hoser

 

Grenzfall

Die Indikationsverschiebungen in der modernen Unfallchirurgie sind offensichtlich und zeigen den Fortschritt in der Medizin besonders gut auf. In der Kinderchirurgie galt früher der Gips als die Methode der Wahl. Es galt das Motto: Das wächst sich schon aus! Heute wissen wir, dass die Meniskusoperation oder der Eingriff bei patello-femoraler Instabilität schwerwiegende Folgeschäden hintan hält. In der Erwachsenenchirurgie wurde früher ein Sprunggelenk mit Arthrose versteift. Die Folge war große Bewegungseinschränkung und Behinderung schon beim Gehen. Heute implantieren wir eine dreiteilige Prothese. Dasselbe gilt für Kniescheibe und Großzehengrundgelenk. Die Entscheidung pro oder contra eine Operation war immer eine Gratwanderung und ist es auch heute. Ansprüche und Erwartungshaltungen des Patienten (Sportausübung, etc.) und Finanzierbarkeit müssen in Einklang gebracht werden.

 

 

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Früher wurden Gelenke mit Arthrosen versteift, heute versorgen wir sie mit sporttauglichen Prothesen!“
Dr. Markus Wipplinger

 

Physiologische Grenzen

Die Dosis macht das Gift. Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen Medikamentmissbrauch von Hobbysportlern, die leistungssteigernde Mittel verwenden, und dem Doping im Profisport. Historisch gesehen gibt es Doping nicht nur im Leistungssport, auch Kriege waren Anlass für Experimente im Bereich der Leistungssteigerung. Heute dominiert Doping hauptsächlich in Sportarten, in denen die Leistungsgrenze durch Ausdauer, Kraft und/oder Schnelligkeit bestimmt wird. Im Ausdauersport wird Blutdoping, Epo, Insulin, Testosteron und ACTH eingesetzt. Die Nebenwirkungen sind vielfältig: Herzüberlastung durch Bluteindickung, das Bilden von Blutgerinseln, oder das Wecken schlafender Tumore sind nur die bekanntesten. Nicht zu vernachlässigen ist auch das Suchtpotential. Viele Sportler gleiten nach der Einnahme von Dopingmitteln in die Dopingszene (Heroin, Kokain) ab.

 

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„80 Prozent des weltweit produzierten HGH’s wandert in den Leistungssport“.

Dr. Kurt Moosburger

 

Grenzen im Spitzensport

Am Beispiel alpiner Skirennlauf werden Grenzen in Bezug auf „höher – weiter  - schneller“ durch die dramatische Häufung schwerer Unfälle besonders augenscheinlich. Ein Sturz wird in den meisten Fällen als Fahrfehler und Eigenverschulden definiert. Jedenfalls ist ein Sturz eine Grenzüberschreitung. Aus diesem Grund ist es legitim, über das Material zu diskutieren. Schon in der kommenden Saison gibt es erste Anpassungen im Europacup und im Schüler- und Juniorenbereich. Im Weltcup stehen Materialänderungen mit der Saison 2012/2013 bevor. Die Schier werden schmäler, länger und weniger tailliert.

 

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„Jeder Sturz ist eine Grenzüberschreitung!
Mag. Gert Ehn

 

Grenzen der Leistungsdiagnostik

Die Kernfrage lautet immer noch: Was ist die richtige Methode zur Ermittlung der Leistungsfähigkeit? Bei der Entscheidung zwischen Laufen und Radfahren sprechen die meisten Punkte für den Radtest. Im Vergleich Labor- zu Feldtest ist die Entscheidung schwieriger. Standardisierung und Vergleichbarkeit (Wetter, Wind, Temperatur, etc.) sprechen im Zweifelsfall für den Labortest.

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„Es gibt viele Gründe, die Leistungsfähigkeit feststellen zu wollen, etwa um das Training zu optimieren, oder gesundheitliche Parameter zu klären“.

Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schobersberger

 

 

Grenzwertig

Aus dem Leben eines Dopingdealers berichtete Chefredakteur und Autor Manfred Behr. Sachlich, kompetent sowohl in medizinischer, als auch juridischer Hinsicht, mit erstaunlich pragmatischen Zugang zum Thema und erstaunlich unemotional präsentierte der Profi Facts aus dem gleichnamigen Bestseller.

 

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„Sportler sind Grenzgänger. Doping hilft ihnen, Grenzen zu durchbrechen“.

Manfred Behr

 

 

Karriere über den Sport hinaus

 

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„Als erfolgreicher Spitzensportler ist man ein Star, privilegiert und verwöhnt. Das ist der entscheidende Unterschied zur zweiten Karriere“.

Miriam Vogt

 

Leistungsfähig in Grenzsituationen

Beeindruckende Facts, wie eine Flüssigkeitszufuhr von 25 Liter pro Tag, einem täglichen Energiebedarf von 18.000 kcal beim Race across America, präsentierte Wolfgang Fasching bei seinem charismatisch-sympathischen Auftritt. Der Vortrag des Extremsportlers schloss den Kreis der interdisziplinären Betrachtung auf geradezu erstaunliche Weise. Er sieht sich nämlich keineswegs als Grenzgänger, denn alle seine Projekte, egal ob die Besteigung des Mont Everests, die 7 Summits, etc. sind getragen von klarem Kalkül unter Berücksichtigung seiner körperlichen und mentalen Fähigkeiten. So erstaunlich das klingt, damit ist er als Vorbild für viele Hobbysportler tauglich.

 

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„Du schaffst, was Du willst!“

Wolfgang Fasching

 

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v.li: Mag. Gert Ehn, Dr. Christian Hoser, Dr. Markus Wipplinger, Dr. Josef Pühringer, Josef Homar, Dr. Josef Wiesauer