“Wenn das Publikum nicht mehr klatscht und schreit, such Dir einen anderen Job!“

Bernhard Paul

 

clown

Encho Keryazov ist neben Clown David Larible einer der ganz großen Stars des ­Circus Roncalli.

Der Spirit nutzte die Chance, während seiner Reha in der Sporttherapie Linz, mit ihm dem Mythos Roncalli näherzukommen.

 

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Als am 18. Mai 1976 das Programm „Die größte Poesie des Universums“ seine Welturaufführung beim Bonner Sommer feierte, ahnte man noch nicht die unglaubliche Erfolgsstory. Immer wieder musste sich der Roncalli neu erfinden. Nach dem Ausstieg von ­André Heller, war es der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger, der Bernhard Paul Geld lieh und Regie führte. Größen des Showbusiness gaben sich im Roncalli Zelt ein Stelldichein. Heinz Rühmann sang 1984 das Lied vom Clown. Die ARD produziert eine sechsteilige Serie mit dem Titel Roncalli, in den Hauptrollen unter anderem Inge Meysel und Eddie Constantine. Er wurde ein guter Freund von Direktor Paul. Im historischen Jahr der Wiedervereinigung 1990 gastiert der Roncalli in Berlin. Mit „Panem et Circenses“ präsentiert Paul gemeinsam mit Alfons Schubeck sein kulinarisches Reisevarieté und begründet damit die Erlebnisgastronomie. Bernhard Paul ist auch sonst produktiv und kreativ. Mit „Die dumme Augustine“ unter der Regie von Juraj Herz gewinnt er den Bayrischen Filmpreis. 1993 erschafft er eine völlig neue Circuskultur. Das 2,5 Mio teure neue Palastzelt hat Logen wie die Mailänder Scala. 1994 spielt Roncalli als erster und letzter Circus in Berlin am Reichstag. Dann rollen die Bagger. Das neue Regierungsviertel wird gebaut. Extravagant geht es ins neue Jahrtausend. Für „Funiculi, Funicula“ engagiert er den Vater der Fools, Clownlegende Django Edwards. Ein Riesenerfolg wird der von Roncalli inszenierte historische Weihnachtsmarkt am Hamburger Rathausplatz.
Und die Show geht weiter. Roncalli und seine „Töchter“ gedeihen auch nach 30 Jahren prächtig. Mit neu angefertigten Zelten und renoviertem Mobiliar kommt der Roncalli aus der Winterpause zurück. Auf Hochglanz poliert und runderneuert geht der Circus auf Deutschlandtournee. Neu ist aber auch die nächste Generation in der Manege. Neben Bernhard Paul’s Sohn Adrian werden auch seine Töchter Vivi und Lili Paul mit Clown Davids Tochter Shirley Larible in der Manege stehen.

Eines steht fest, der Roncalli wird uns immer wieder überraschen, denn Durchschnitt und ­Roncalli, das geht nicht zusammen. Der Anspruch ist, Circus ständig neu zu erfinden.

 

The show must go on

 

Manchmal erkennt man den Hochleistungssportler nicht gleich an der Berufsbezeichnung. Encho Keryazov hat 365 Wettkämpfe pro Jahr.

 

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Es war ein Schock. Am 18. September 2009 riss bei dem Muskelmann die Trizepssehne im linken Oberarm. Die Karriere schien zu Ende. Eine Karriere, die seit 2007 mit dem Gewinn des Silbernen Clowns beim Zirkusfestival in Monaco, so richtig auf Touren gekommen war. Encho spielte an den ersten Plätzen, mit guten Gagen, und, was am Wichtigsten ist, er war selbst mit seiner Performance richtig zufrieden. 60 Wochen Krankenstand wurden ihm nach der Operation verordnet. Aber die Wirklichkeit war schneller als die kühnste Phantasie. Nach konsequenter und erfolgreicher Therapie im Institut für Sporttherapie Linz bestritt Encho exakt drei Monate später, am 18. Dezember, sein Come back.

 

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Come back nach 12 Wochen anstatt 60. Was spielte sich in Deinem Kopf ab?

Dazu muss man sagen, dass zu diesem Zeitpunkt das come back nicht ganz freiwillig war. Es war früher als geplant, erzwungen durch den plötzlichen Ausfall eines Artisten im Roncalli. Ich habe meinen schwierigsten Trick, den Sprung von den Blocks am Boden der Sporttherapie in Linz, mit zwei anstatt acht probiert und hatte prompt Schmerzen. Ich wusste, dass es sehr riskant war und ich mit hohem Einsatz spielte, denn wäre es nicht gut gegangen, wäre die Versicherung ausgestiegen und ich hätte meinen Job verloren.

Warum hast Du das riskiert?

Ich bin mit dem Roncalli und Bernhard Paul sehr familiär und vertraut. Ich bin seit 6 Jahren hier angestellt. Der Roncalli tut sehr viel, nicht nur für mich, sondern für meine ganze Familie. Da wollte ich etwas zurück geben.

Was macht den Roncalli so speziell?

Für uns Artisten ganz sicher, die familiäre, freundschaftliche Atmosphäre. Für die Zuschauer das perfekte Gesamtpaket. Die Spitzenposition des Roncalli ergibt sich aus der Perfektion bis ins kleinste Detail. Das beginnt natürlich bei den ­Artisten, und geht über Musik, Licht, Regie bis zur unvergleichlichen Atmosphäre im Zelt durch die räumliche Nähe zur Manege. Alles zusammen ergibt eine Show auf höchstem Niveau. In dieser Champions League spielen sonst nur noch der Circe de Soleil und der Zirkus Knie.

Ist der Cirque de Soleil nicht für jeden Artisten reizvoll?

Ja und Nein. Künstlerisch ist es schon bombastisch, aber, während man im Roncalli noch als Artist mit Fleisch und Blut, und vor allem Namen präsentiert wird, spielt man in der Show des Soleil eine abstrakte Rolle. Hinzu kommt, dass das Gesamtpaket für meine Familie im Roncalli konkurrenzlos ist.

 

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Du hast zwei Söhne. Zu welchem Beruf rätst Du ihnen? Ist Artist für sie eine Option?

Ja, es sieht so aus, als wollten sie in meine Fußstapfen treten. Das freut mich, denn bei keinem anderen Job kann ich sie persönlich so unterstützen. Ich pushe sie aber nicht, denn ich denke, die Berufswahl an sich ist weniger entscheidend als das Niveau, für das man sich entscheidet. Die essentielle Frage lautet: „Was ist Dein Traum?“. In welcher Liga willst Du spielen? Bei Manchester United oder in der Bezirksliga? Und es muss Dir klar sein, jeder Level hat seinen Preis. Jede Stufe höher kostet mehr Disziplin, Einsatz, Training. Wenn Dir Bier und Nachtclubs wichtig sind, entscheide Dich für einen niedrigen Level. Mir erschien das nie als große Entbehrung darauf zu verzichten.

By that way, wie sieht Dein Arbeitstag aus?

Am Vormittag trainiere ich 1,5 Stunden meine Show. Am Nachmittag und am Abend spiele ich je eine Show mit 12 Minuten. In meinem Alter muss man dafür eine gute Stunde aufwärmen. Erst nach der zweiten Show kann ich dann logischerweise mein Krafttraining absolvieren, fünfmal in der Woche, 90 Minuten.

Machst Du Ausgleichstraining oder ergänzende Übungen?

Ich arbeite sehr viel an meiner Beweglichkeit, die leidet altersbedingt am stärksten. Einmal pro Woche mache ich 40 Minuten Herz-Kreislauftraining. Wenn ich für Wettkämpfe wie Monaco, oder große TV-Shows trainiere, arbeite ich nach einem exakten Aufbauprogramm. Die Anforderung in meinem Fach unterscheidet sich von der des Leistungssports prinzipiell darin, dass ich nicht einen Saisonhöhepunkt habe, an dem ich 1200 % geben muss, sondern darin dass ich das ganze Jahr auf submaximalem Level, also auf 95 bis 97 % performen muss.

Ist man mit 36 Jahren in deinem Fach am Zenit?

Nein, und das ist das Tolle. Natürlich werde ich nicht mehr kräftiger oder schneller, aber meine Performance wird immer noch besser. Das liegt an den entscheidenden Qualitätskriterien der Show: am Timing, der Mimik, Positionierung, Lichteffekten, etc.

Du bist mit Bernhard Paul sehr eng befreundet. Was ist sein Erfolgsrezept?

Das erkläre ich am besten an einem Beispiel. Er sieht sich die Show nie an. Er sitzt immer hinter der Manege und hört nur auf das Publikum. Es nützt nämlich nichts, wenn ihm ein Act gefällt und dem Publikum nicht. Denn nicht er, sondern das Publikum bezahlt die Artisten. Er sagt jedem: „Wenn das Publikum nicht mehr klatscht und schreit, such Dir einen anderen Job!“

 


How far do you want to go? Wenn Du einen hohen Anspruch hast, musst Du bereit sein, einen hohen Preis zu zahlen.

Encho Keryazov