Mehr in dieser Ausgabe: « splitter Knieprothese 2.0 »

„Sind Sie dafür, dass nach den durchschlagenden Erfolgen der Filme, Harry Potter auch als Buch erscheinen soll?“, fragte der Mikromann im Ö3 Wecker.

Die Mehrheit ist dafür! Bis vor wenigen Jahren wäre der Ausdruck Buch eindeutig gewesen. Eine Story wird gedruckt und landet, zwischen zwei Pappendeckel gepresst, in der Buchhandlung. Heute weiß man nicht, wie ein Buch „erscheint“. Wenn auch die meistgestellte Frage beim Kauf eines E-Books lautet: „Kann man damit auch DVD’s schauen?“ – Lesen wird digital.
Unser tägliches Leben ist vom Lesen bestimmt. Wer nicht gerade schläft, wird zwangsläufig früher oder später irgendetwas lesen müssen. Vom Hinweisschild im Straßenverkehr über das Preisschild im Supermarkt bis zur Bedienungsanleitung des neuen Mobiltelefons ist unser Leben reguliert durch Schriftzeichen. Sogar wer den ganzen Tag vorm Fernseher verbringt, wird zumindest mit Einblendungen wie „Renate W., Augenzeugin“ konfrontiert oder das aktuelle Programm im Teletext  - sie erraten es schon  - lesen.

aufm

Geschichte zum Lesen

Wer nicht lesen kann, steht außerhalb der Gesellschaft. Das war nicht immer so. Über Jahrhunderte hinweg war das Lesen und Schreiben eine Kunst der Wenigen. Es war den Gelehrten und Geistlichen vorbehalten. Doch selbst die, die es konnten, hatten nicht viel zu lesen. Papier und Tinte waren teuer, Arbeitszeit und Licht waren wertvoll. Aufgeschrieben wurde nur, was wirklich wichtig war. Meist war das Amtliches, wie Urkunden, Verträge und religiöse Texte. Literatur gibt es natürlich, aber sie wird in der Regel mündlich vorgetragen und nur selten niedergeschrieben.
Um 1700 können nur ungefähr 5% der Bevölkerung lesen. Der Buchdruck ist zu dieser Zeit zwar schon erfunden, steckt mit seinen 200 Jahren aber noch in den Kinderschuhen. Bücher sind so teuer, dass sie zur Verbreitung des Lesens nicht viel beitragen können. Immer noch handelt es sich vorwiegend um religiöse Texte und noch dazu sind diese, wie alles Wichtige, meistens lateinisch. Die wenigen Texte, die zur Verfügung stehen, werden intensiv gelesen. Das heißt: man liest denselben Text, meist die Bibel, Gebetsbücher oder Ähnliches, immer und immer wieder. Dahinter steckt nicht nur der Mangel an Material, sondern auch der Glaube, man  könne die Antworten auf alle Fragen in der Bibel finden, wenn man sie nur richtig liest. Es handelt sich also meist weniger um Lesen als um Interpretieren.

istock_000005336321medium

Ich lese, also bin ich  

Aber siehe da! Plötzlich kommt Leben in die Druckstuben und Bücherschränke.  Das 18.Jahrhundert und die Aufklärung bringen rasante Entwicklungen mit sich.
Technische Fortschritte, zum Beispiel auf dem Gebiet der Papierherstellung, machen es möglich, mehr und billiger zu drucken als vorher. Dass sich die deutsche Sprache immer mehr gegen Latein durchsetzt, macht es der Bevölkerung möglich, die gedruckten Texte zu verstehen. Schließlich verbessert sich auch das Bildungswesen und sorgt dafür, dass mehr Menschen die vielen neuen Texte auch tatsächlich lesen können. Es wird möglich, Wohnungen und Häuser künstlich zu beleuchten, was die Abend- und Nachtstunden nutzbar macht.
Plötzlich  scheint es, als hätten all diese Vorgänge bei den Menschen ein schlafendes Bedürfnis geweckt. Innerhalb weniger Jahre entwickelt sich das Lesen zum Trend. Männer und Frauen, Alte und Junge, jeder verwendet plötzlich jede freie Minuten auf diese schöne, neue Beschäftigung. Zum Glück für die Leser begegnet diese Begeisterung  einer ebenso großen Freude am Schreiben. Die spannendste Entwicklung: Seit die Aufklärung das Selbstdenken propagiert und die Religion ihre Stellung als unumstößliche Autorität langsam verliert, wird endlich nicht mehr nur über Gott, sondern auch die Welt geschrieben.  Die Philosophie entwickelt sich zur Lieblingswissenschaft der Intellektuellen, man bemüht sich um deutschsprachige Dichtung, sammelt Märchen, Lieder und Gedichte. Neue Gattungen sprießen wie Pilze aus dem literarischen Boden. Die Belletristik setzt an zu ungekannten Höhenflügen. Der Roman entwickelt sich und schlägt ein wie eine Bombe.
Aber: Bücher sind immer noch ein wertvolles Gut. Sie sind zwar billiger aber noch lange nicht billig. Um trotzdem an immer neuen Stoff zu kommen, gründet man Lesegesellschaften, um untereinander zu tauschen und weitergeben zu können, was man an Texten zur Verfügung hat.

istock_000002123289large  

Leserevolution

Die damaligen Entwicklungen sind so einschneidend, dass man heute sogar von einer „Leserevolution“ spricht. Es ist ein Einschnitt der so bedeutend ist, dass an diesem Schlagwort künftig kein Geisteswissenschaftler mehr vorbeikommen wird. Am Ende des 18. Jahrhunderts hat sich die Lesekultur grundlegend verändert. Gelesen wird jetzt nicht mehr intensiv sondern extensiv. Man liest nicht mehr ein Werk beliebig oft, sondern beliebig viele Werke hintereinander. Es wird mit einem Mal sogar soviel gelesen, dass  manch Einer beginnt, sich Sorgen zu machen. Man spricht von „Lesewut“ und „Lesesucht“, die wie eine ansteckende Krankheit um sich greift und von der vor allem Frauen und junge Menschen betroffen seien.
Auch in der Gegenwart macht man sich Sorgen um das Lesen. Allerdings geht es heute weniger darum, dass zu viel gelesen wird. Im Gegenteil, man befürchtet, gerade die Jugend könne in Zeiten von Sms und Facebookchat nichts mehr mit längeren Texten anfangen. Und dann tauchen auch noch neue Geräte wie E-Book Reader und Ipad auf und gefährden das Buch noch mehr. Ist es also wahr, dass uns eine weitere Revolution des Lesens bevorsteht? Stehen wir nach dem Übergang von intensiv zu extensiv jetzt an der Schwelle von extensiv zu trivial?
Zwar hat sich die im 18.Jh ausgebrochene Lesewut bis heute tatsächlich wieder gelegt, doch  am Leseverhalten hat sich seit dem Abschied des intensiven Lesens viel geändert. Immer noch lesen wir tendenziell extensiv. Und doch gibt es wesentliche Unterschiede. Vor 300 Jahren gab es zwar eine Flut neuer Möglichkeiten in Bezug darauf, was man lesen konnte, doch egal ob philosophische Abhandlung, Lyrikband oder Räuberroman, es handelte sich immer um Druckwerke. Dem ist heute nicht mehr so. Wer sich heute nach Lesenden umsieht, darf nicht mehr nur darauf achten, wer ein Buch, ein Magazin oder ein Blatt Papier in der Hand hält. Man muss sich auch umsehen nach all denen, die Laptops, Smartphones, Kindle und Ähnliches vor sich haben. Die Schrift ist dem Papier entwachsen, wir lesen heute digital. Im Gegensatz zu den Jahren 1700 bis 1800, die neue Gattungen, wie Zeitschrift und Roman, hervorgebracht haben, haben wir es heute mit  einem Wechsel der Medien zu tun.

Requiem für das Buch?

Eines ist sicher: Aussterben werden die Bücher nicht. Im Laufe der Zeit wurde immer wieder das Requiem für das Buch angestimmt. So war es, als das Radio aufkam, bei der Geburt des Films, des Fernsehens und natürlich auch in den ersten Stunden des Internets. Doch siehe da, das Buch lebt immer noch. Die Gefahr, dass es verschwinden könnte, ist verschwindend. Jene Experten, die meinten, der Computer könnte dem Buch den Todesstoß versetzen, irrten. Im Gegenteil, Print und Bildschirm ergänzen einander und pushen sich gegenseitig.

Neue Medien schaffen neue Möglichkeiten. Heute können wir je nach Situation aus verschiedensten Lese-Möglichkeiten wählen. Wer schon einmal in Krieg und Frieden nach einem bestimmten Zitat gesucht hat, wird sich über die Suchfunktion der digitalen Ausgabe freuen. Andererseits wird man nicht gern die ganze Herr der Ringe Trilogie  am Notebook lesen wollen. Wer schon versucht hat, die Zeit oder andere großformatige Zeitungen in der Straßenbahn zu lesen, für den sind Ipad und Smartphone mit ihren digitalen Nachrichten ein Segen. Andererseits lässt sich der E-Book Reader sehr schlecht in die Sauna mitnehmen. Seien wir also froh, dass es uns möglich ist, morgens die Zeitung am Frühstückstisch auszubreiten, im Büro mittels digitalisierten Texten relevante Information schnell zu finden und es uns abends mit einem guten Buch am Sofa bequem zu machen.
Wer weiß was die Zukunft noch alles für die Leseratten dieser Welt zu bieten haben wird. Egal ob Kindle, Zeitung, Ipad, Magazin oder altbewährtes Buch: Hauptsache wir lesen.
Nur eine Warnung muss zum Schluss ausgesprochen werden: Vorsicht, Lesen gefährdet die Dummheit.

istock_000002916162large

 

burtscher_sw  Hubert Burtscher liest für die Damenrunde

Mein Lieblingsbuch: Meine Frau Gabi organisiert eine Damenleserunde, ich „muss“ daher immer wieder ein Buch lesen  „Der Drachenläufer“, „Das Herzenhören“, „Die Einsamkeit der Primzahlen“ u. ä.
Wo lese ich am liebsten: Daheim auf der Terrasse,
am Abend oder im Urlaub
Was lese ich am liebsten: Fachliteratur, Sport-, Wirtschaft-, Wochenfachzeitschriften und Tageszeitungen
Wie lese ich: Auf Papier und zunehmend am PC

 

stelzer_sw  Wolfgang Stelzer lässt es rascheln

Mein Lieblingsbuch: Andrea Camillieri: Commissario Montalbano
Wo lese ich am liebsten: Lesesessel, im Liegen (Strand oder Bett)
Was lese ich am liebsten: Zum Entspannen Belletristik, am liebsten mit sozialpolitischer Einflechtung, wie bei Andrea Camillieri oder Henning Mankell, Fachliteratur und Tageszeitungen täglich
Wie lese ich: Absoluter Papiertyp, es muss beim Umblättern rascheln, 100 % bibliophil

 

doris_hauser_sw  Doris Hauser liebt das Parfum von Süsskind und trägt Green Tea von Elizabeth Arden

Mein Lieblingsbuch Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit
Wo lese ich am liebsten: Im Liegestuhl auf der Terrasse
Was lese ich am liebsten: Belletristik
Wie lese ich: Papier

fink_autorenfoto_sw  Christian Fink braucht Energie für Philosophie und schläft mit Coelho ein

Mein Lieblingsbuch: Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben
Wo lese ich am liebsten: Im Urlaub oder auf Reisen
Was lese ich am liebsten: Medizinische Fachliteratur, Brandeins, wann immer es geht, Philosophisches, wenn ich die Energie dafür habe, Coelho zum Einschlafen
Wie lese ich: Papier zu 90%, sonst PC

 

huberr_sw  Reinhard Huber liebt Rotwein zu Papier
Mein Lieblingsbuch: Paulo Coelho: Der Alchimist
Tiziano Terzani: Fliegen ohne Flügel
Wo lese ich am liebsten: Jeden Morgen die Tageszeitung, an warmen Sommertagen im Garten in der Hängematte. in der kleinen aber feinen Hausbibliothek bei einem guten Glas Rotwein
Was lese ich am liebsten: Biographien, Bergbücher, Fachliteratur
Wie lese ich: Immer noch auf Papier

 

hoser_autorenfoto_sw  Christian Hoser liest keine Börsenkurse
Mein Lieblingsbuch: Gerhard Schulze: Die Sünde
Matthias Horx: Wie wir leben werden: Unsere Zukunft beginnt jetzt
Wo lese ich am liebsten: Auf der Couch im Wohnzimmer oder am Strand im Urlaub
Was lese ich am liebsten: Fachliteratur gern und häufig, chirurgische und Lifestyle Zeitschriften,  Speisekarten, Börsenkurse nicht mehr
Wie lese ich: Zeitung und Fachliteratur am iphone und iPad, sonst auf Papier

 

sepp_wiesauer_sw  Josef Wiesauer ist ein Papiertiger
Mein Lieblingsbuch: Edwin A. Abbott: Flächenland
Wo lese ich am liebsten: Am Pool, im Bett, jedenfalls immer liegend
Was lese ich am liebsten: Philosophische Fachbücher (Leopold Kohr: die Lehre vom rechten Maß, Robert Pfaller: Wofür es sich lohnt, zu leben). Ich liebe Zeitschriften vom Feinschmecker über den Playboy bis zum SPIRIT.
Wie lese ich: Ganz Papiertiger, analog, niemals digital

 

portraitelli_sw  Ellinor Wiesauer ist lesesüchtig
Mein Lieblingsbuch: Thomas Mann: Der Zauberberg
Wo lese ich am liebsten: Immer und überall, lieber sitzend als liegend
Was lese ich am liebsten: Von den Klassikern wie Schuld und Sühne bis zu moderner Literatur, wie das Leben der Wünsche von Thomas Glavinic, Zeitschriften und Zeitungen, Philosophisches, Wirtschaftsliteratur
Wie lese ich: Nur auf Papier

 

"In meinen Adern fließen Elektronen und keine Druckerschwärze"
Robert Hochner, ZiB 2 Legende
Mehr in dieser Ausgabe: « splitter Knieprothese 2.0 »