Zwischen Messgenauigkeit und Fingerspitzengefühl

 

Wenn der Knorpel im Kniegelenk abgenützt ist, der Gelenksspalt im Röntgenbild auf Null geschrumpft ist, also Knochen auf Knochen reibt, ist ein “neues Knie”, das heißt eine Knieprothese die sinnvollste Behandlung. Den Operationszeitpunkt bestimmt dafür immer der Patient, denn nur er oder sie und nicht der Arzt spürt den Schmerz, den es zu beseitigen gilt. Aber nur Schmerzbehandlung wäre zuwenig, es müssen auch Beweglichkeit und Stabilität, sowie Belastbarkeit für Arbeit und Freizeit wiederhergestellt werden. Weiters ist eine gerade Beinachse mit einer Toleranz von 3 Grad  nicht nur ein “kosmetisches” Ziel, sondern auch für die Langlebigkeit des Implantats von großer Bedeutung. Damit sind die Voraussetzungen gegeben, dass das “neue Knie” zu 90% 15 Jahre und mehr überlebt. Schweden war eines der ersten Länder das solche Langzeitdaten aufgezeichnet hat und Vergleiche zwischen verschiedenen Implantaten verschiedener Firmen möglich macht. Das von uns verwendete Produkt der Firma Zimmer (NexGen CR) schneidet in diesem sogenannten Prothesenregister am Besten ab.

prothese Knieimplantat am Modell.

Die Bänder (im Bild inneres Seitenband) bleiben erhalten.

Grundlagen

Alle heute verwendeten Implantate (mit wenigen Ausnahmen für Spezialsituationen) sind eigentlich nur ein Gelenksflächenersatz, weil die Bänder des Kniegelenks nicht ersetzt werden. Der Chirurg muss bei der Operation das Implantat in Größe und Position mit den Bändern in Übereinstimmung bringen. Am Ende der Operation muss eine gerade Beinachse und eine korrekte Bandspannung vorliegen. Zu lockere Bänder würde der Patient als Instabilität spüren und zu feste würden es sehr schwer machen, eine gute Beweglichkeit zu erreichen. Es ist also nicht nur Knochenchirurgie sondern auch Weichteil-(=Band)-chirurgie erforderlich.

Augenmaß ist zuwenig

Zur Erlangung der richtigen Achse stehen dem Chirurgen Messmethoden zur Verfügung, um die Knochenschnitte korrekt durchzuführen. Als etabliertes und ausgereiftes Verfahren ist die Navigation bei uns im OP im Einsatz. Wir bekommen damit während der Operation Messwerte, die uns Gradgenau arbeiten lassen. Viele wissenschaftliche Studien haben Verbesserung durch Navigation, besonders bei starken X- und O-Beinstellungen nachgewiesen

Was ist neu?

Die Weiterentwicklung chirurgischer Techniken und Implantate ist ein evolutionärer Prozess. Durch innovative Chirurgen werden neue Ideen geboren. Entwickelt und getestet wird dann von der Industrie. Die besten Techniken verbreiten sich unter den Chirurgen, weil sie sie zu besseren Behandlungsergebnissen führen.
Die letzte Neuerung betrifft das Millimeter-genaue Schneiden des Knochens (1mm = 1Grad). Dafür Namen wurden wie „patient specific Instruments”, „My knee” (etwas irreführend, da nicht das Implantat gemeint ist), „Visionaire” etc gefunden. Die Implantate sind davon nicht betroffen.

patient  Alles ist möglich mit der Knieprothese

Wie funktioniert das?

Im ersten Schritt wird ein 3D-Bild des Kniegelenkes mit CT oder MRI erzeugt. Im zweiten Schritt wird am Computer von einem Techniker der Firma die Größe und Position des Implantates bestimmt und anschließend vom Chirurgen bestätigt oder modifiziert. Im dritten Schritt fräst die Firma die Instrumente (= Schnittlehren) und sendet sie dem Chirurgen, der sie dann sterilisiert und im vierten Schritt bei der Operation verwendet.
Ob das die Technik der Zukunft wird, entscheidet sich durch wissenschaftliche Studien. Bewährtes (= Navigation) und Neues (= Patient specific instruments) werden bezüglich der Ergebnisse verglichen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es noch keine entsprechenden Publikationen.
Auch in Zukunft werden Achse (Implantatposition) und Bandspannung (Genauigkeit und Fingerspitzengefühl) bei der Durchführung einer Knieprothesenoperation über die Ergebnisse entscheiden. Unser Ziel muss es sein, ein schmerzfreies, belastbares, gerades Kniegelenk zu erzeugen, das für mindestens 15 Jahre und länger seine Dienste tut, um ein aktives, schmerzfreies Leben für unsere Patienten zu gewährleisten. Neben der Operation ist die Physiotherapie wesentlich für die Erreichung all dieser Ziele. Nach neuesten Erkenntnissen nicht nur nach, sondern auch schon vor der Operation.

 

Nachgestellte Szene einer Navigation am Kniegelenk: Der Chirurg (1) zeigt dem Computer mit dem Pointer(2) wo sich das Zentrum von Hüfte, Knie und Sprunggelenk befinden. Die Navigationskamera  (3)sieht  die am Ober-(4a) und Unterschenkel (4b)angebrachten  Marker
Während der gesamten Operation gibt das Navigationssystem dem Chirurgen Information über Winkel
und Position.

navigation-am-kniegelenk