von Dr. Walter Povysil

 

Mein Mann ­versteht mich nicht!

 

Keine Panik, vielleicht braucht er nur ein Hörgerät!

 

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Alltag in der HNO- Praxis: „Herr Doktor, ich höre alles, aber die Leute reden so undeutlich, dann verstehe ich nur die Hälfte! Den Nachrichtensprecher verstehe ich gut, aber ob er FPÖ oder SPÖ gesagt hat, ergibt sich erst durch den Zusammenhang! Und beim Film, da ist so viel Lärm, die Musik ist so laut, das geht gar nicht!“
40% der über 65jährigen haben Hörprobleme, Männer etwas häufiger als Frauen. In der Regel kommt das schleichend, betrifft zunächst nur die höheren Frequenzen. Das bedeutet, dass ein Zweiergespräch in Ruhe lange problemlos ist, das Verstehen im Störlärm (schwierigste Situation ist der Stammtisch in einem Lokal mit hohem Lärmpegel und schlechter Akustik) wird immer schlechter, da die Konsonanten (FPÖ und SPÖ) nicht mehr klar voneinander unterschieden werden können.
Ursachen sind das Alter an sich sowie der Lärm in jeglicher Gestalt. Das betrifft Jugendsünden (Disko, Silvesterknaller und Schießübungen), privaten Lärm (Heimwerker mit Schlagbohrer, Kreissäge und Flex, Hobbymusiker und Jäger) und beruflichen Lärm (Lärmschwerhörigkeit ist eine anerkannte Berufskrankheit). Aber trotz aller Forschung haben wir bis heute keine Behandlung gefunden, um diese Entwicklung rückgängig zu machen, wahrscheinlich können wir sie nicht einmal verzögern.
Es ist daher wichtig, rechtzeitig moderne Hörsysteme zu testen. Man kann damit verhindern, dass die Leistung des Gehirns, Störlärm von Sprache zu trennen, verloren geht. Viele ältere Menschen meiden die Gesellschaft, da sie fürchten, für dumm gehalten zu werden. (Das Wort „terrisch“ kommt von töricht). Diesen Rückzug muss man unbedingt verhindern.
Heute braucht man keine Berührungsängste mehr zu haben, Freisprecheinrichtungen für Mobiltelefone sehen nicht mehr sehr viel anders aus, als modische Hörgeräte. Bis sie aber zu Accessoires werden wie Brillen, bedarf es noch einiger Geduld. In anderen Ländern ist man hier weiter, der frühere amerikanische Präsident Clinton trägt seine Geräte seit Jahren mit Stolz, allerdings ist man dort auch stolz auf seinen Psychotherapeuten, ebenfalls ein Tabu bei uns.
Worauf sollte man bei der Auswahl achten: Nicht jedes Gerät eignet sich für jeden Hörverlust (auch die Brille der Nachbarin eignet sich häufig nicht zum Lesen). Firmennamen sind nicht wesentlich, es gibt keine schlechten Hörgeräte, nur eine mangelhafte Anpassung. Auch der Preis spielt eine untergeordnete Rolle. Natürlich ist der Mercedes ein feines Auto, aber auch mit Opel oder Skoda kommt man ans Ziel. Die österreichischen Sozialversicherungen schreiben eine unverbindliche Probezeit von zwei Wochen vor. Diese kurze Tragedauer reicht aber bei weitem nicht aus, um sich an das neue Hören zu gewöhnen, daher verlängern kompetente Hörgeräteakustiker die Probezeit erheblich. Auch Geräte ohne Zuzahlung (sogenannte „Kassengeräte“) müssen volldigital sein und sind qualitativ besser als die Topgeräte noch vor einigen Jahren. Nehmen Sie sich auf jeden Fall Zeit, eine vernünftige Anpassung ist nicht in drei Wochen hinzukriegen, vor allem, wenn man verschieden Systeme testen will. Wählen Sie auch nicht zu kleine Geräte, denken Sie dran, man muss sie bedienen können, die Batterie wechseln (alle ein bis zwei Wochen) und dabei möglichst die Batterielade nicht beschädigen.

Wenn Sie also Ihr Gemahl nicht mehr versteht, gnädige Frau, gehen Sie nicht gleich zur Eheberatung, vielleicht hört er nur schlecht!.

 

 

Sport hören

 

Sehr unterschätzt wird die Bedeutung des Gehörs beim Sport. Natürlich ist jedem bewusst, dass man Zurufe beim Fußball („hinter“) nicht überhören sollte, ebenso den Pfiff des Schiedsrichters. Auch beim Tischtennis wissen wir, dass man mit Stöpsel in den Ohren langsamer reagiert, da das Geräusch des Balles am Schläger wertvolle Informationen liefert, ähnlich das Geräusch der Kante des Schis am Schnee. Aber dies alles ist noch relativ harmlos.
Gefährlich wird es, wenn wir Gefahren überhören, wie beim Rad- oder Schifahren. Dass Hörgeräte beim Sport nicht gerne getragen werden, hat durchaus plausible Gründe. Die Geräte könnten verloren oder beschädigt werden. Schweiß (Feuchtigkeit allgemein) ist ein Feind des Hörgeräts. Und speziell bei schnellen Disziplinen stört das Windgeräusch (eigenes Hörgeräteprogramm für Sport?). Auch passen Helme nicht perfekt zu Hinter dem Ohr Geräten. Hier ist die Industrie gefordert, Lösungen zu finden.

 

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