von Christoph Sieber und Josef Wiesauer

 

 

Bemannte Lenkdrachen

 

Menschen fliegen und Drachen kollabieren  – das ist Kitesurfen

 

 

Der Kiter in der Südbucht hat gerade wieder abgehoben und sich über die Schaumkrönchen des Traunsees erhoben. Er will ja nur spielen, mit Wind und Wellen. In einer Woche will ich auch dabei sein, denn „Nur Fliegen ist schöner“, sagt einer, der es wissen muss: Christoph Sieber, Windsurf Olympiasieger in Sydney 2000, aktuell begeisterter Kiteboarder und Gründer der Austrian Kiteboarding Association.

Die Unterschiede zum Windsurfen und Segeln sind signifikant. Der Wichtigste: Kitesurfen spielt sich in drei Dimensionen ab. Und es ist die erste „Segelsportart“, bei der man kein Segel vor dem Gesicht hat. Die total freie Sicht am Wasser ist eine berauschende  Erfahrung mit absolutem Neuheitswert. Die Lernkurve ist nach der ersten Woche viel steiler, als beim Windsurfen. Überhaupt, was beim Windsurfen 30 Jahre Entwicklungszeit gebraucht hat, ging beim Kitesurfen, dank der bereits erfolgten Materialentwicklung, in 10 Jahren.

 



Kiten entstand in den USA aus der Verbindung eines herkömmlichen Skimboards mit einem Flugdrachen, also zweier verschiedener Sportgeräte zu einer Sportart. Zeitgleich fanden an der französischen Küste vergleichbare Entwicklungen statt. Mit den primitiven Einstiegsgeräten konnte man natürlich nur „vor dem Wind“ kiten, zurück musste man gehen. Erstes Ziel der Gerätentwicklung war es, Schirme und Boards zu entwickeln, mit denen man in der Lage sein sollte, die Höhe zu halten. Die wesentlichen Entwicklungsschritte waren beim Board, die Form, Finnen und Fußschlaufen, beim Schirm die heute übliche, vier- und fünfleinig gesteuerten Bow- und Delta-Kites, die einen großen Wind-Einsatzbereich und gute Kreuz- und Wasserstarteigenschaften haben. Das Steuern des Kites ist die Kunst an dieser Sportart. Hierin liegen nicht nur die Virtuosität und das spielerische Können, sondern es geht auch um die Sicherheit. Ein Drache, der in die Powerzone kommt, entfaltet immense Kräfte. Der Könner zeichnet sich dadurch aus, dass er den Kite beherrscht, ohne dauernd hinauf schauen zu müssen, sodass er die Augen für sein Umfeld frei hat. Große Entwicklungsschritte betrafen auch die Sicherheitssysteme. Bis zum Jahr 2000 gab es tödliche Unfälle von durchaus guten Kitesurfern. Heute kann der Kite blitzschnell mit einem Handgriff vom Trapez gelöst werden und verliert dabei den Zug (Depower). Der Sport ist sicher geworden.

Bei den Schirmen sind die Tubekites dominant. Die aufblasbare Vorderkante (Tube), sowie die fünfte Leine, erlauben es, einen kollabierten Schirm wieder (leichter) zu starten. Die leichten Matten- oder Softkites, die Paragleitschirmen ähnlich sind, bewähren sich bei Leichtwind und beim Snowkiten auf Ski oder Snowboard.

 

 

Absolute Beginner

Vorab der wichtigste Tipp: Notorische Autodidakten seien gewarnt. Kiten sollte man von der Pike auf mit einem versierten Lehrer erlernen. Die ersten Schritte finden an Land statt. Dabei geht es darum, den Kite beherrschen zu lernen, das Verstehen der Powerzone, wo entwickelt der Drache welche Kräfte, denn darüber  definiert sich auch die Gefahr. Du hängst an einem Gerät, das viel Kraft entfaltet. Beim Windsurfen lässt Du das Segel aus und alles ist vorbei. Das geht beim Kite nicht so leicht. Zirka eine Woche braucht man zur „Platzreife“. Das bedeutet beim Kiteboarden, surfend wieder dorthin zurück zu kommen, wo man weggefahren ist. Die Anfängertage sind durchaus mit dem Windsurfen zu vergleichen, später steigt die Lernkurve viel steiler. Nach ein paar Tagen machst Du die ersten Pops (kleine Sprünge im flachen Wasser).

Standardausrüstung

Als Standard gilt das symmetrische Twin Tip Board. Im Unterschied zum Windsurfboard  lässt es sich, ohne Wendemanöver und ohne Fußwechsel, in beide Richtungen fahren. Je nach Revier braucht man zwei bis drei Kites, Trapez und Anzug.

 

 

Competition

À propos, die Pops sind hip, hohe Sprünge gelten als old school. Beim Tricksurfen dominieren die Handle Passes. Man macht dabei verschiedene Figuren um die Handle-Bar, das ist der Gabelbaum des Kiters. Die Freestylebewerbe sind naturgemäß teeangerdominiert. Mit 25 Jahren bist Du dort ein Oldie. Beim Kiterace kommen große Bretter mit 100 Liter und Riesenfinnen zum Einsatz. Die geilste Abteilung ist das Wavekiting, Wellenreiten mit Kiteschirm.

Kiten ist ein Lifestylesport

Kiten ist praktisch. Man verreist mit einer etwas größeren „Golftasche“. Die Sportart scheint unbegrenzt alterstauglich und generationenübergreifend.
Die Bandbreite der Windstärken, bei denen man kiten kann, beginnt bei drei Windstärken (10 Knoten). Vor allem bei leichteren Winden ist das Lustpotential größer als beim Windsurfen in unseren Breiten, weshalb Sieber dieser Sportart weiteres Wachstum prophezeit.
Der Kiter braucht weder Verein, noch Infrastruktur, er ist autark. Kiten ist aus dieser Sicht die Antithese zum Segelsport. Kiteboarden bedeutet Freiheit und Individualismus.

 

 

Der Autor:

Christoph Sieber
Olympiasieger im Windsurfen, Sydney 2000

 

Er begann mit 12 Jahren mit dem Wind­surfen, sein erster Trainer am Traunsee war Sepp Wiesauer.
Der gebürtige Stadlinger lebt heute in Mödling und hat mit seiner Partnerin einen Sohn mit 9 Jahren.
Er ist begeisterter Kitesurfer und Gründer der Austrian Kitboarding Association.Seine Leidenschaft gehört dem Wasser und den Bergen. An guten Tagen ist er ­entweder Kiten oder im Winter mit den Tourenschiern unterwegs.
Eine weitere große Leidenschaften ist Stand Up Paddling, das er gerade in Österreich positionieren will. Er betreibt ein SUP Center in Neusiedl, leitet die Firma Steppensee, organisiert Flußwanderungen, Teambuildings und Events, und hält Vorträge über Motivation und mentale Fitness.

 

Mehr Information auf: www.steppensee.at,  www.christophsieber.at

 

 

„Kiteboarden bedeutet Freiheit und Individualismus.“

 

„Als Surfer bist Du immer allein draußen“

Christoph Sieber