Mehr in dieser Ausgabe: « splitter Handicap »

 

Spüren, ­fühlen, tasten

 

 

Die Hand als Schnittstelle zwischen Mensch und Kosmos

 

von Dietmar Hager

 

Wir verwenden unsere Hände täglich für tausenderlei Handgriffe. Es beginnt am Morgen mit dem Zurückschlagen der Bettdecke, dem Ankleiden und den Verrichtungen im Badezimmer, dem Zubereiten und Einnehmen des Frühstücks, usw. Das klaglose Funktionieren der Hand nehmen wir als Selbstverständlichkeit hin.
Erst wenn wir uns die Hand verletzen, sind wir zum Innehalten und Nachdenken gezwungen. Aus den leidvollen Geschichten meiner Patienten weiß ich, wie schnell es oft gehen kann, dass man durch einen unachtsamen Moment aus dem Alltagsleben herausgerissen wird.

 

Betrachten wir einmal unsere Hände. Wir nehmen die Farbe der Haut wahr, die Temperatur und sehen auch die Hautporen. Wir spüren das hohe Potential der Hand, ihr Vermögen uns die Welt, in der wir leben, zu erschließen. Wir machen uns bewusst, dass die Hand nicht nur zum Greifen, sondern auch als Kommunikationswerkzeug dient. Mit den Händen berühren wir unsere Mitmenschen und spüren sie. Denken wir an die Bedeutung der Hand als Werkzeug für die schönen Künste. Die Hand ist die wohl genialste Erfindung, welche der Kosmos je hervorgebracht hat.

 

Wann hat das älteste High-Tech Werkzeug der Natur eigentlich begonnen, zu funktionieren?

Wir müssen weit in die Geschichte zurückgehen, um nach jener ­Lebensform zu suchen, welche als erste von der Natur mit der Idee der Hand beschenkt worden ist. Es war Velociraptor in der Kreidezeit. Am Bild auf Seite 12 sehen Sie, wie er seine Hände gehalten hat. Er war eines der ersten Lebewesen auf Erden, welches über die Möglichkeit eines ­beweglichen Handgelenkes verfügte. Und das machte einen ent­scheidenden Unterschied im Vergleich zu seinen Zeitgenossen.

Wie bedeutsam die Hand für den Menschen ist, kann man ­unschwer am sogenannten Homunculus erkennen.

 



Mit der Beweglichkeit des Handgelenkes konnte er die Hände erstmals gezielter einsetzen. Zwei wunderbare Innovationen kamen bei Velociraptors Handgelenk zum Einsatz: Die Idee, die Elle etwas kürzer zu machen, und Kahn- und Mondbein ihre typische Form zu geben. Dadurch wurde das Handgelenk beweglich und der Unterarm konnte auch gedreht werden. Durch die Versatilität einer solchen Hand wurde sein Träger damit ins nächste Erdzeitalter geschleudert!

Ein menschliches Handgelenk. Links oben ­Kahnbein, daneben Mondbein. Achten sie auf die gleiche Länge von Elle und Speiche



Velociraptor stellte damit auch sein Gehirn vor die Aufgabe, all die Information, welche nun in sein System integriert werden konnte, sinnvoll zu verarbeiten. Sein neues Handgelenk und die Drehbarkeit des Unterarmes eröffneten ihm ein wesentlich effektiveres Greifen und auch ­Tasten. Dadurch kam es zur Notwendigkeit, das Gehirn entsprechend wachsen zu lassen, qualitativ und quantitativ. Alle Information, welche von der Hand als Tastorgan aufgenommen wird, muss verarbeitet werden zu einem sinnvollen Output. Wir können Velociraptor natürlich in seinem Verhalten heute nicht mehr studieren. Zum Glück, denn er war ein gefährlicher Raubsaurier. Man hat jedoch aufgrund der Anordnung von Skeletten seinesgleichen sowie von Beutetieren berechtigten Grund zur Annahme, dass er ein intelligenter Räuber gewesen sein muss.

Velociraptor. Er lebte vor knapp 100 Mio Jahren.

Vom Angreifen zum Begreifen

Die Hand ist ein Werkzeug, das seinem Träger eine reichhaltige Perspektive gibt an Einsatzmöglichkeiten. Wir betasten die Umwelt mit den Händen, fühlen und erkennen damit Oberflächeneigenschaften der berührten Gegenstände. Diese Information wird im Gehirn umgesetzt in für das Individuum nützliche Kenntnisse.

Wie bedeutsam die Hand für den Menschen ist, kann man unschwer am sogenannten Homunculus erkennen. Man erkennt die enorm stark ausgeprägte Repräsentation der Hand und der Finger im Gehirn. Die Anzahl der Neuronen, welche die Hand verlassen bzw. erreichen ist dargestellt durch die Größe der jeweils betroffenen Abschnitte des Körpers. Denn es kommen Nervenimpulse aus dem Gehirn zur Hand, genauer zur Muskulatur, welche die Finger antreibt. Umgekehrt verlassen Neuronen die Hand, welche z.B. von den Tastsensoren oder Schmerzrezeptoren kommen, und der Zentrale eine Begegnung mit einem vielleicht bedrohlichen Einfluss melden. Darauf muss adäquat reagiert werden, damit das Individuum überleben kann. Die Hand dient also als Schnittstelle zwischen Mensch und Kosmos.

 

Evidenz aus allen Kulturkreisen und Kontinenten der Erde von ­Völkern lange vor unserer Zeit. Diese Artefakte belegen eindrucksvoll, wie bedeutsam der Sternenhimmel immer schon gewesen ist.

 

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