Die Krankheit der Könige
Früher war die Luxuskrankheit dem Adel vorbehalten. Die mollige Ernährungssituation unserer Luxusgesellschaft hat die Gicht zur Epidemie gemacht.

Text Melanie Löffler

Die Krankheit der Könige

Gicht gilt als gut therapierbar und auch heilbar. Entscheidend sind die Compliance des Patienten und vor allem die passende medikamentöse Behandlung.

Louis XIII, Sinnbild des opulenten Lebens, war zugleich das populärste Testimonial in der Geschichte der Gicht. Die beachtliche Karriere dieser Krankheit verläuft kongruent zum Anstieg der Wohlstandskurve. Neben der adäquaten medikamentösen Behandlung, ist auch der Lifestyle, vor allem die Ernährung, ein relevanter Faktor für die Krankheit und ihren Verlauf.

Mit einer Häufigkeit von 2 bis 4 Prozent ist die Gicht die häufigste entzündliche Gelenkserkrankung in der westlichen Welt. 10 bis 30 Prozent aller Männer und 2 bis 6 Prozent der Frauen zeigen erhöhte Harnsäurewerte im Blut. Bei zirka jedem Zehnten von ihnen kommt es zur Gicht. Männer haben ein höheres Risiko, einen Gichtanfall zu erleiden, meist zwischen dem 45. und 60. Lebensjahr, während Frauen durch die schützende Wirkung des Östrogens frühestens im Alter von 65 Jahren mit einem schmerzhaften Gichtanfall rechnen müssen.

Der Purinstoffwechsel

Harnsäure ist das Endprodukt des Purinstoffwechsels. Purine werden vom Körper produziert (300 bis 400 mg pro Tag) und durch die Nahrung (0,5 bis 1 g/Tag) aufgenommen. Werden zu viele Purine zugeführt, kann die Harnsäure nicht ausreichend ausgeschieden werden und es kommt zur Bildung von Harnsäurekristallen, die sich in Gelenken, Harnwegen und Nieren ablagern. Je höher der Harnsäurespiegel ist, desto wahrscheinlicher wird ein Gichtanfall.

Die Referenzwerte der Serum-Harnsäure liegen bei 3,5 bis 7,0 mg/dl bei Männern und 2,5 bis 6,0 mg/dl bei Frauen. Eine normale Serumharnsäurekonzentration schließt einen Gichtanfall allerdings nicht aus. Ab Harnsäurewerten von 9 bis 10 mg pro 100 ml Serum ist verstärkt mit dem Auftreten eines akuten Gichtanfalls zu rechnen. Betroffen ist primär das Großzehengrundgelenk, aber auch Knie- und Sprunggelenk. Hauptauslöser eines Gichtanfalls sind Völlerei und erhöhter Alkoholkonsum, aber auch Fasten, sowie schwere körperliche Aktivität. Neben diesen modifizierbaren, gibt es auch nicht modifizierbare Risikofaktoren, wie Alter, Geschlecht und genetisch bedingte Störungen des Purinstoffwechsels.

Die Behandlung

Die Krankheit gilt als gut therapierbar und auch heilbar. Entscheidend sind die Compliance des Patienten und vor allem die passende medikamentöse Behandlung. Ziel jeder Therapie ist die nachhaltige Senkung des Harnsäurespiegels im Blut auf 6 mg/dl (Harnsäurekristalle lösen sich auf).

Ernährung

Eine zentrale Rolle spielt die Ernährung. Sie sollte purinarm sein, d.h. rotes Fleisch, Schwein, Lamm, Rind, Innereien und daraus hergestellte Produkte, wie z.B. Wurst sollten nur in geringen Mengen gegessen werden. Das gleiche gilt für Meeresfrüchte. Der Konsum von Gemüse wird angeraten, wobei man Hülsenfrüchte meiden sollte. Obwohl es so scheint, dass Purine in pflanzlichen Lebensmitteln den Harnsäurespiegel weniger belasten, als jene in tierischen. Fisch ist zweimal pro Woche angeraten. Alkalisierende Nahrungsmittel, wie Zitrusfrüchte und alkalische Mineralwässer werden empfohlen. Insgesamt ist eine fettarme Kost anzuraten, da durch fettreiche Kost die Harnsäureausscheidung über die Niere reduziert wird.

Alkohol hemmt die Harnsäureausscheidung und erhöht so das Risiko eines Gichtanfalls. Konkret: Zwei bis drei Bier pro Woche erhöhen das Risiko auf 1,27, zwei Bier pro Tag auf 2,51, verglichen mit Antialkoholikern. Bier und Spirituosen wirken sich besonders ungünstig aus. Auch alkoholfreies Bier weist einen hohen Puringehalt auf, Wein stellt das geringste Risiko dar. Fruchtsäfte, Softdrinks und Obst mit hohem Fruktosegehalt erhöhen den Harnsäurespiegel. Beim Konsum einer gezuckerten Limonade pro Tag steigt das Risiko, einen Gichtanfall zu erleiden um 74 %. Zwei oder mehr Limonaden, oder zwei oder mehr Portionen Orangensaft erhöhen das Risiko auf das 2,4fache.

Regelmäßiger Kaffeekonsum senkt den Harnsäurespiegel. Die dafür verantwortliche Chlorogensäure ist auch in koffeinfreiem Kaffee enthalten. Fettarme Milch und deren Produkte, sowie Vitamin C sind Harnsäuresenker. Eine elementare Rolle spielt eine hohe Zufuhr von kalorienfreier Flüssigkeit (mindestens 2,5 l pro Tag), da für die Ausscheidung von Harnsäure viel Flüssigkeit nötig ist.

Empfehlungen

Auf eine bedarfsgerechte Ernährung mit niedrigem Purinanteil ist zu achten. Alkoholabstinenz ist eine der wichtigsten Maßnahmen. In der Praxis sollte die Fleischzufuhr auf zwei- bis dreimal pro Woche reduziert werden. Der Fischkonsum liegt optimalerweise bei zwei- bis dreimal pro Woche. Besonders wichtig ist es, die Fischhaut nicht mitzuessen.

Die Empfehlungen sind nicht als lebenslang oder Verbote zu betrachten. Vielmehr geht es darum, ungeeignete Nahrungsmittel seltener und in kleinen Mengen zu konsumieren. Die Annäherung ans Optimum ist wesentlich. Wichtig ist es, den Patienten zu vermitteln, dass in der Modifikation der Ernährungsgewohnheiten ein Verbesserungspotential der Erkrankung liegt und dass im Weiteren eine Lebensstiloptimierung immer mit einer Verbesserung der Lebensqualität einhergeht.