Unter Strom
Aktuelle Elektrotherapie zur Schmerzlinderung, Lähmungsbehandlung und zum Muskelaufbau

Text Dr. Peter Biowski

Reizstromtherapiegerät Stimulette r2x

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Zu den klassischen Stromformen sind in den letzten Jahren neue dazugekommen. Die Einsatzgebiete der Elektrotherapie wurden erweitert. Hauptwirkungen der Elektrotherapie sind Schmerzdämpfung, Muskelstimulation, Muskelentspannung und Durchblutungsförderung.

Schmerzbehandlung

Schmerzlindernde Effekte können je nach Stromform unterschiedlich erzielt werden. Die Iontophorese, Gleichstrom in Kombination mit einem schmerzdämpfenden Medikament, wirkt direkt am Ort der Schmerzentstehung. TENS unterdrückt den Schmerz in der Schmerzbahn auf Rückenmarksebene. Frequenzmodulierter Strom oder mittelfrequente Stromformen senken die Muskelspannung und unterbrechen damit den Teufelskreis Muskelverspannungen – Schmerzen – mehr Muskelanspannung – mehr Schmerzen.

Muskelstimulation

Man unterscheidet zwei große Untergruppen, die Stimulation bei intakten oder geschädigten Nerven. Für die Muskelstimulation bei intakter Nervenversorgung wird vor allem Schwellstrom verwendet. Biphasischer Schwellstrom ist auch bei Metallimplantaten verwendbar und erzielt eine um 40% höhere Kraftentwicklung bei geringerer sensibler Beeinträchtigung. Wichtig ist die Stimulation gelenkstabilisierender Muskeln, wie etwa die Behandlung der vorderen und hinteren Oberschenkelmuskulatur bei Kniegelenksproblemen sowie der Unterschenkelmuskulatur bei Sprunggelenksinstabilität. Bei sturzgefährdeten Patienten ist die Quadricepskräftigung unbedingt zu empfehlen.

Bei geplanten Gelenksersatz-Operationen besteht die Möglichkeit, den präoperativen Muskelaufbau mit Schwellstrom zu intensivieren, um das postoperative Ergebnis zu verbessern und die Rehabilitationsphase zu verkürzen. Gerade im Rahmen der postoperativen Rehabilitation wird das Bewegungstherapieprogramm oft erfolgreich durch Elektrotherapie ergänzt. Bei Rückenproblemen ist die Stimulation der Rücken- und Bauchmuskeln sinnvoll, um mehr Stabilität speziell im Lendenwirbelsäulenbereich zu erreichen.

Die Stimulation denervierter Muskulatur, wie sie etwa bei Bandscheibenvorfällen auftreten, erfolgt mit langen direkt auf die Muskeln einwirkenden Impulsen (Exponentialstrom oder programmierbare Stromformen). Nur diese Ströme können bei den derart gelähmten Muskeln Kontraktionen auslösen und den Muskel erhalten – konservieren – solange bis der Nerv wieder nachgewachsen ist. Diese Langzeitbehandlung kann mit einfach zu bedienenden Heimtherapiegeräten durchgeführt werden.

Polyneuropathiebeschwerden

Eine relativ neue Therapieform um Nervenschmerzen (Gefühlsstörungen wie Ameisenlaufen) in den Griff zu bekommen ist die Hochtontherapie. Grundprinzip ist die ursächliche Behandlung der Polyneuropathie mit einem mittelfrequenten metallkompatiblen Wechselstrom von 4000-33000Hz. Die Wirksamkeit wurde im Konsensusstatement der österreichischen Schmerzgesellschaft mit Evidenz IIa bewertet.

Polyneuropathien aller Ursachen können auf diese Weise behandelt werden. Die häufigste Polyneuropathieform stellt sicherlich die diabetische PNP dar. Auch durch toxische Chemotherapie, Medikamentengabe, Infektionen oder mechanische Ursachen bedingte Polyneuropathien lassen sich durch diese Behandlung gut in den Griff bringen.