Optimales Training
Univ. Prof. DDDr. Jürgen Weineck schuf mit seinem Buch das Standardwerk der Trainingslehre. Leben à la carte traf die Legende im Rahmen des Interdisziplinären Symposiums des Instituts für Sporttherapie zum Gespräch.

Text Josef Wiesauer

Prof. DDDr. Weineck

Hier wird Trainingslehre relevant eingesetzt: Prof. DDDr. Weineck beim Besuch im Institut für Sporttherapie mit Dr. Josef Wiesauer und Mag. Doris Auer

Die Kletterlegende Güllich konnte auf jedem seiner fünf Finger einen Klimmzug. Er hat jeden Finger einzeln trainiert und damit seine Handkraft weit mehr verbessert als durch ein „ganzhändiges“ Training.

Herr Prof. Weineck, wann erschien die Erstausgabe und wie lange schrieben Sie an der „Bibel“ der Trainings­lehre?

Die Erstausgabe meines Buches ‚Optimales Training’ erschien im Jahr 1980 und umfasste 380 Seiten, die 16. Auflage 2010 hatte schon 1098 Seiten. Augenblicklich arbeite ich an der 17. Auflage, die im Herbst 2017 erscheinen soll. Ich schreibe eigentlich ununterbrochen an diesem Buch, denn bereits im Moment des Erscheinens beginne ich mit der Einarbeitung wichtiger Inhalte, bzw. Aktualisierung.

Wir orientiert man sich bei einer derartigen Datenfülle?

Die Grundlage für das optimale Training war die gesamte DDR-Literatur, sowie die dazugehörige russische Literatur. Meine Kernleistung bestand wohl darin, dass ich die gesamte Literatur systematisch aufgearbeitet und physiologisch begründet habe. Darüber hinaus lese ich jede Woche etwa 1000 Seiten diagonal und extrahiere alle mir wesentlich erscheinenden Neuerungen. Inzwischen unterstützen mich aber meine Söhne, eine unendliche Erleichterung!

Worin besteht die Meisterschaft des Trainings?

Der Kunst im Training besteht sicher darin, zwischen hochspezifischem sportartgemäßem Training und der ständigen Abwechslung, die es braucht um immer wieder neue Reize zu setzen, die eine Leistungssteigerung garantieren, richtig zu navigieren. Dabei muss man die physiologischen Gesetze ständig im Auge haben. Daneben muss man zur Sportartspezifik einen Ausgleich schaffen, ohne Leistungseinbußen zu produzieren. Zusätzlich ist ein Ausgleich zum hochgradig spezialisierten Training, zur Monotonie und Über-Kanalisierung via Ergänzungstraining zu schaffen

Gab es in Ihrem Beobachtungszeitraum Revolutionen im Training?

Revolutionen nein, Änderungen stets, Paradigmenwechsel ebenso. Solange sich die Physiologie nicht grundlegend ändert, wird sich auch die Trainingslehre nicht dramatisch ändern. Die Akzentuierung bestimmter Trainingsbereiche unterlag allerdings einem Wandel, vor allem im Gesundheitsbereich: Über Jahrzehnte war es die Ausdauer, deren Training den höchsten Stellenwert hatte. Dann rückten mehr und mehr das Krafttraining und das koordinative Training ins Zentrum des Interesses.

Ein deutscher Sportwissenschafter hat uns mit der Aussage geadelt: „Das Institut für Sporttherapie ist die einzige Einrichtung, in der Trainingslehre in der Reha relevant eingesetzt wird“.

Da kann ich nur gratulieren, denn Reha ist ein patientenadäquates, intensives, Training. Der Patient muss verstehen, dass er es ist, der mit fachmännischer Begleitung durch sein Training seinen Originalzustand wieder erreichen oder gar übertreffen kann. Beispiel: Nach meiner Schulter OP war ich der Einzige, der jeden Tag sechs Stunden trainiert hat, zu Lande und zu Wasser, während die anderen Patienten zweimal eine halbe Stunde pro Woche Therapie machten. Dass ich Privatpatient war, hat die Sache natürlich erleichtert, da ich manche Sonderbehandlung erfuhr.

Was plaudert eine Legende aus dem Nähkästchen?

Neue Leistungsdimension eröffneten sich oftmals durch eine neue methodische Arbeits­weise bzw. neue Kombinationen von Methoden. Sotomayor hat z.B. Tiefsprünge aus zwei bis drei Metern Höhe gemacht, die Plyometrie also an die Spitze getrieben. Mennea ist im Training auch rechts herum gelaufen und war in den Kurven der Schnellste. Günthör hatte nur 40 % schnelle Fasern, keine optimale Voraussetzung für seine Sportart, hat es aber geschafft, diese so aufzutrainieren – ein genetischer Sonderfall –, dass sie 80 % des Muskelquerschnitts seiner Arbeitsmuskulatur ausgemacht haben. Die Kletterlegende Güllich konnte auf jedem seiner fünf Finger einen Klimmzug. Er hat jeden Finger einzeln trainiert und damit seine Handkraft weit mehr verbessert als durch ein „ganzhändiges“ Training.

Gab es technische Hilfsmittel, die relevant für Leistungssteigerungen waren?

Die Elektrostimulation wurde weit überschätzt. Die publizierten Steigerungen von 100 % und mehr haben sich als Phantasieergebnisse herausgestellt. Vibrationsplatten können bei niedrigem Trainingsniveau Muskulatur und Knochen­dichte stärken. Wer allerdings nur damit trainiert, gerät in die Sackgasse.

Sehen sie auch sinnvolle Entwicklungen?

Natürlich! Überall ergeben sich Möglichkeiten verschiedene Trainingsmethoden neu zu kombinieren. Beim HIT (high intensity training) kann man durch intensive Belastungen effektive, zeitsparende Reize setzen und dadurch in kürzerer Zeit zu ähnlichen Ergebnissen kommen, wie bei langen Läufen. Relativ neu ist auch im so genannten Gesundheitstraining, dass alle motorischen Hauptbeanspruchungsformen gleichermaßen entwickelt werden.

Gibt es so etwas, wie eine Quintessenz der Trainingslehre?

Training ist wie eine Sandkiste mit vielen Spielsachen, Wer gut damit spielt, neu kombiniert, variiert, gewinnt. Wer nicht ständig neue Reize setzt, stagniert. Man muss an allen Schrauben drehen.